Geschichten aus der Kindheit

Inhaltsverzeichnis

Erstkommunion im Jahr 1955

Das Domradio habe ich gerade eingeschaltet. Die Moderatorin fordert auf, anlässlich des vergangenen Weißen Sonntages persönliche Erinnerungen an die eigene Erstkommunion mitzuteilen. Gedanklich mache ich einen weiten Schritt zurück in das Jahr 1955 in dem ich diesen besonderen Tag feierte.

Es war eine ernste Sache diese Erstkommunion. Da war die lange Vorbereitung, an die ich mich mit gemischten Gefühlen erinnere. Beispielsweise sollten wir in der Fastenzeit vor der Erstkommunion jeden Tag eine gute Tat vollbringen und diese dann aufschreiben. Die Notizen sollten wir in der Karwoche unserem Pfarrer übergeben. Da hatte ich ein Problem. Mit Buchführung war ich nicht so gut, wollte aber etwas abliefern. Ich schrieb eine ganze Litanei aus dem Gedächtnis auf. Da war dann auch genügend Fantasie dabei, was mir letztlich Bauchschmerzen bereitete. Der Kaplan, der uns Kinder damals betreute, war sehr gutmütig und liebevoll. Es gab keine Nachfragen – wer weiß ob er die Zettel überhaupt gelesen hatte. Später schrieb er mir einen Spruch aus der Bibel in mein Poesiealbum:

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. (1.Joh.4,16)

Das war auch seine Einstellung und mit dieser Einstellung führte er uns zu diesem großen Tag.

Zu Hause gab es eine kleine Feier im Familienkreis. Geschenke gab es auch. Viele aus der Nachbarschaft und dem Bekanntenkreis brachten etwas vorbei und erhielten ein Päckchen Kuchen zum mit nach Hause nehmen.

Beliebte Geschenke waren damals Sammeltassen, schöne Taschentücher und auch Blumenstöckchen. Geldgeschenke waren nicht üblich. Es war die Nachkriegszeit, da hatte jeder zu kämpfen – jedoch mit kleinen Geschenken bereiteten mir viele eine große Freude.

Ein besonderes Geschenk erhielt ich von meinem Patenonkel. Es war ein goldenes Kreuzchen, das ich an diesem Tage tragen sollte. Leider kam das Päckchen zu spät an. So trug ich am Festtag mein Silberkreuz. Dieses hatte ich schon als kleines Mädchen von unserer Vermieterin geschenkt bekommen. Es war ein ganz schlichtes, aber sehr schönes Kreuz. So war ich trotzdem würdig geschmückt.

Es ist schade, dass heute die Kinder zur Erstkommunion mit sehr viel Geld bedacht werden. Da wird das eigentliche des Festes verfälscht und Äußerlichkeiten verdecken häufig den Sinn. Augenblicklich verhindert die Corona-Pandemie die gewohnte Art des Familienfestes. Vielleicht tritt auf diese Weise der eigentliche Grund der Erstkommunionfeier wieder stärker in den Vordergrund.

Maria Kott, am 12. April 2021

Palmkätzchen

„Kätzchen, ihr, der Weide, wie aus grauer Seide, wie aus grauem Samt!                                              

O Ihr Silberkätzchen, sagt mir doch, ihr Schätzchen, sagt, woher ihr stammt.

„Wollen’s gern dir sagen: wir sind ausgeschlagen aus dem Weidenbaum;

Haben winterüber drin geschlafen, Lieber, in tieftiefem Traum.“

Dieses Gedicht von Christian Morgenstern hat die evangelische Pfarrerin in diesem Jahr als Einführung zu ihrem Brief in der Passionszeit für die Bewohner eines Altenheimes verwendet. Beim Lesen kamen mir viele Erinnerungen an meine Kindheit.

Ich hatte immer eher Angst vor Tieren. Ein eigenes Tier zu haben wäre in unseren engen Wohnverhältnissen zudem gar nicht möglich gewesen. So wurden die kleinen Weidekätzchen kurzzeitig meine Tiere vor denen ich keine Angst haben musste. In einer Streichholzschachtel bereitete ich ihnen eine Wohnstätte. Sie ließen sich bereitwillig von mir streicheln und so war ich ein Weilchen mit ihnen glücklich. Kaulquappen haben wir Kinder auch aus dem Bach geholt und in einem Glas mit nach Hause genommen. Auch das war ein kurzzeitiges Vergnügen. Ich nehme an, dass meine Mutter ihnen bald die Freiheit geschenkt hat. Genauere Erinnerungen fehlen mir. Dann zur Zeit der Maikäfer hatte ich auch zwei oder drei Käfer in einem Glas einquartiert. Sie bekamen Birkenblätter als Nahrung und blieben auch nur kurze Zeit Hausfreunde. Diese konnte ich sogar anfassen. Aber am liebsten jedoch waren mir die kleinen „Kätzchen“

meine „Kätzchen“ in der Streichholzschachtel

Zu Palmsonntag werden Palmzweige gesegnet und dann im Zimmer zum Kreuz an der Wand gesteckt. In unserer Gegend verwendete man dafür Weidenkätzchenzweige. In anderen Gegenden werden dafür Zweige vom Lebensbaum Thuja oder Buchs verwendet. Im Schwarzwald werden kunstvolle Palmstecken gebastelt. Aus buntem Seidenpapier und grünen Zweigen besteht der Schmuck. Ich kannte aber zu meiner Kinderzeit nur die Weidenkätzchen als Palmzweige. Etwas ähnliches wie die Palmstecken gab es aber bei uns auch. Es waren die Sommertagsstecken, die zu Sonntag Lätare getragen wurden. Da gab es nämlich den „Sommertagszug“, ein Umzug durch die Stadt mit Musik und Gesang. Es war ein buntes Fest für die Kinder. Der Sommer – ein grüner Baum aus Tannenzweigen angefertigt – kämpft mit dem Winter. Natürlich siegt der Sommer. Der Winter in Gestalt eines Schneemannes aus Pappe wurde dann verbrannt. Da tat mir der Winter immer schrecklich leid, denn er lief vorher auch ganz fröhlich mit dem Zug mit. Es war ein Brauch aus heidnischer Zeit. Bunte Bänder, grüne Zweige und Brezeln und Eier gab es auch – alles Lebenszeichen.

Weidenkätzchen in der Vase

In diesem Jahr plagt uns immer noch die Geißel Corona. Palmprozessionen wird es nicht geben. Ob es überhaupt Gottesdienste geben wird – auch zu Ostern – ist noch nicht sicher. So werde ich mir einige Weidenkätzchen in die Vase stellen und mich an die Zeit in meiner Kindheit erinnern.

Maria Kott, im März 2021

Die großen Mädchen in unserer Straße

Als ich noch recht klein war hatte ich immer große Mädchen die mich gerne hüten wollten. Bei ihnen fühlte ich mich sicherer als alleine auf der Straße oder im Hof.

Anneliese

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, in dem großen, vierstöckigen Mehrfamilienhaus wohnte im Dachgeschoss Anneliese mit ihrer Familie. Sie war ungefähr 5 Jahre älter als ich und passte gerne auf mich auf. Einen älteren Bruder hatte sie und dann noch einen ganz kleinen Bruder. Den Kleinen musste sie oft hüten. Da war ich immer gerne dabei. Ich war keine große Esserin, aber das Essen bei Anneliese schmeckte mir immer sehr gut. Ganz selbstverständlich durfte ich mitessen. Unsere Mutter backte fast nur Hefekuchen, aber bei Anneliese gab es Rührkuchen. Das war dann ein Fest für mich. Gelegentlich ging ich mit Anneliese zum Bäcker. Dort kaufte sie für ihre Mutter für 10 Pfennige Hefe und Sauerteig. Das braucht man zum Brotbacken. Annelieses Mutter bereitete das Brot selbst zu. Der fertige Teig kam in Körbchen die wir dann zum Bäcker brachten.  Dort wurden die Brote für ein paar Pfennige gebacken. Später konnten wir das duftende Brot wieder abholen.

Zu dieser Zeit hatte man noch keine Waschmaschine. Auch waren die Waschmittel noch nicht so kräftig. Am nahen Bach gab es eine Wiese. Dort legte Annelieses Mutter die weißen Wäschestücke in der Sonne aus und wir Kinder mussten sie dann mit Wasser aus dem Bach mehrmals begießen bis die Wäsche weiß gebleicht war. Die Wiese wurde deshalb „Bleiche“ genannt. Da war ich auch oft dabei. Wir konnten dort spielen und mussten nur gelegentlich die Wäsche begießen. Neben der Wohnung von Anneliese war der riesige Speicher des Hauses. Bei schlechtem Wetter war dort unser Spielplatz.

Bei den alten Fotos habe ich ein Bild von Anneliese und mir gefunden. Sie in Fastnachtskleidung und ich im dunklen Wintermantel. Genauso dunkel ist auch mein Gesicht. Ich erinnere mich noch genau. Mein Vater war gerade erst gestorben – es war das Trauerjahr. Gerne hätte ich mich auch verkleidet, aber es wurde mir nicht erlaubt. Ich konnte das gar nicht verstehen. Doch die Sitten waren damals streng. So war das eben. Man musste gehorchen.

Anneliese mit mir zur Fastnachtszeit

Theresia

Resi wurde sie genannt und wohnte mit ihrem kleinen Bruder Andreas bei ihrer Großmutter im gleichen Haus wie ich, ganz oben unter dem Dach. Resi ging regelmäßig zur wöchentlichen Gruppenstunde. Im katholischen Kindergarten bei den Schwestern gab es einen Raum in dem sich die Jugend treffen konnte. Gerne nahm sie mich dorthin mit. Das Treffen war ja für die großen Mädchen, doch ich durfte dabei sein. Mir hat das viel Freude gemacht. Es wurde gesungen, gespielt, gebastelt, auch Geschichten wurden erzählt. Wenn ich auch nicht alles verstand, so fühlte ich mich wohl bei den jungen Mädchen. Resi und Andreas sind dann leider wieder nach Ungarn zu ihren Eltern gereist. Die Kinder waren mit der Oma als Ungarndeutsche ausgereist. Die Eltern wollten später nachkommen, doch sie entschlossen sich, in ihrem Heimatland zu bleiben und holten Resi und Andreas zurück. Da war ich dann doch sehr traurig. Resi war ein sehr liebes Mädchen und der kleine Andreas war doch mein Kavalier, der mich einmal auf das Hundefest mitgenommen hatte.

Resi, Andreas, mein Bruder Hans

Viele Jahre später – ich war verheiratet und wohnte nicht mehr in der Nähe, da kam Resi aus Ungarn, um ihre Verwandten in Deutschland zu besuchen. Sie besuchte auch unserer Mutter. Leider konnte ich mich nicht mit ihr treffen. Resi hatte ihren Sohn dabei. Auf dem Foto sieht er sehr ihrem Bruder Andreas ähnlich – wie er damals als Kind ausgesehen hatte. Auf dem Bild ist auch Marianne zu sehen. Sie ist inzwischen eine junge Frau. Damals war sie das Baby, das von ihrer Großmutter aufgezogen wurde. Auch meine Mutter ist auf diesem Bild zu sehen.

Resi’s Sohn, Marianne, Resi, meine Mutter in den 70er Jahren

Giesela

Zwei Häuser weiter wohnte Giesela. Sie dürfte 8 Jahre älter als ich gewesen sein. Sie hatte zwei Brüder die Hans und Peter hießen und ungefähr so alt waren wie zwei meiner Brüder die auch Hans und Peter heißen. Auch gab es noch ein ganz kleines Geschwisterchen, ein Baby, das sie sehr oft hüten musste. Wenn ich zu ihr kommen durfte, freute ich mich ganz besonders bei der Betreuung des Babys dabei zu sein. Auch gab es da eine Zuckerdose mit Würfelzucker auf dem Tisch. Da durfte ich des Öfteren hineingreifen. Mit Süßigkeiten war man zu dieser Zeit nicht verwöhnt. Ich war zu Hause keine große Esserin, aber bei den Nachbarn habe ich immer gerne mitgegessen. So auch bei Giesela. Ihre Tante, die im gleichen Haus wohnte, war einige Jahre später meine Lehrerin an der Volksschule.

Marliese

Ein Stückchen weiter um die Ecke wohnte Marliese. Auch sie war viel älter als ich. Sie hatte einen jüngeren Bruder im Alter meines Bruders Peter. Er war aber meistens nicht zu Hause. Mit seinen Kameraden verbrachte er die Zeit auf der Straße, wie das damals bei den Jungen so üblich war. Marlieses Mutter war alleine mit den Kindern und ging arbeiten. So hatte Marliese ihre Aufgaben im Haushalt zu erfüllen. Ich durfte zu ihr kommen und mit ihren schönen Spielsachen spielen. Gut erinnere ich mich noch an einen Sport-Puppenwagen. Das war etwas ganz Besonderes. Und Puppen hatte sie auch die ich dann im Wagen schieben konnte. Auch hier war ich liebevoll betreut.

mit Marliese in ihrem Garten

Später, als ich etwas größer war, ging ich auch gerne auf die Straße zum Spielen. Irgendwelche Kinder waren immer da. Da konnte man Ballspiele machen. Seilhüpfen, Hüpfspiele und auch Verstecken spielten wir gerne. An Regentagen wartete man sehnsüchtig darauf, dass der Regen aufhört und man wieder auf der Straße spielen kann. So hatten wir Kinder trotz strenger Erziehung sehr viel Freiheit und konnten unsere Fantasie entfalten. Blätter, Steine, Stöckchen und was wir sonst noch fanden war unser Spielzeug – alles kostenfrei. Gelegentlich hatten wir auch Murmeln zum Spielen. Da konnte es schon sein, dass man die Murmeln beim Spielen an den Gegner verlor. Aber auch dabei hat man etwas fürs Leben gelernt.

Maria Kott, im März 2021

Mein Vater – Erinnerungen

Wie schnell vergisst man einen Traum. In der Nacht wache ich nach einem intensiven Traum auf und denke den muss ich mir merken. Doch am Morgen ist er schon vergessen. Ja, man sollte ihn gleich in der Nacht noch aufschreiben. Aber dazu bin ich meist zu müde. Es gibt aber Träume die bleiben fest im Gedächtnis verankert. So träumte ich einmal in einer schwierigen Lebenssituation, dass mein Vater an meinem Bett stand und zu mir sagte: Was du machst das ist ganz richtig. Diesen Traum hatte ich vor sehr vielen Jahren. Er war so deutlich, dass ich bis heute das Gefühl habe mein Vater sei wirklich an meinem Bett gestanden. Da mein Vater bereits gestorben ist als ich gerade 6 Jahre alt war, habe ich nicht allzu viele Erinnerungen an ihn. Einige dieser Erinnerungen habe ich als Haikus zusammengefasst.

Ich bin überzeugt, dass diese liebevolle Kinderzeit so intensiv war, dass sie mich mein ganzes Leben begleitet hat und mir über vieles im Leben hinweghelfen konnte.

Maria Kott im Dezember 2020

CARE-Pakete

Wenn ich in den Spiegel schaue denke ich: ein paar Pfund weniger könnte nicht schaden.

Damals, in der Nachkriegszeit, war es anders. Zum einen gab es nicht viel zu kaufen, zum anderen fehlte auch das Geld dazu. Da war es ein Segen dass es die Hilfe aus Amerika gab. Wir erhielten von einer Familie Newlee aus Salt Lake City immer wieder CARE-Pakete. So vieles war da drinnen von dem man zur damaligen Zeit nur träumen konnte. Lebensmittel und natürlich Schokolade. Kleidung und Schuhe, Handtaschen und auch  Malstifte waren dabei. So hatten wir vieles, das es in Deutschland noch gar nicht gab. Einmal bekam ich ein Bilderbuch und einmal eine schöne Puppe. Sie hieß (das stand auf der Verpackung) Queen Silverbell und hatte Ähnlichkeit mit den heutigen Barby-Puppen. Wer hatte zu dieser Zeit schon ein T-Shirt. Dank Amerika – meine Brüder. Ich hatte Kleider in Mengen und wollte am liebsten täglich ein anderes anziehen.

Unsere Mutter ließ sich Dankesbriefe von einer bekannten Lehrerin in die englische Sprache übersetzen. Die ganze Familie ging  zum Fotografen damit wir einem Brief auch ein Foto beilegen konnten. In der Folge darauf erhielten wir ein riesengroßes “Fresspaket”. Wir haben wohl alle etwas unterernährt gewirkt. Dank der amerikanischen Kleidung sahen wir trotz allem ordentlich und gepflegt aus.

Als es uns dann besser ging teilten wir dies der Familie Newlee mit. Trotzdem schickten sie uns noch lange Zeit zu Weihnachten einen Brief. Sie legten für jedes von uns Kindern 5 Dollar hinein. Das war damals sehr viel Geld! Inzwischen lernte ich in der Schule Englisch. Den Dankesbrief konnte nun ich übersetzen – ich versuchte es wenigstens.

Die ganze Familie in Kleidung aus den Amerika-Paketen
Tasche, Schuhe, Farbstifte aus Amerika-Paketen

Maria Kott, am 28. August 2017

Fronleichnam

Heute ist Fronleichnam, doch in der Coronazeit wird es nicht auf die übliche Art und Weise gefeiert. Nicht einmal im Krieg ist dieses Fest ausgefallen lese ich in der Zeitung. Ich lese auch dass sich die verschiedenen Kirchengemeinden Alternativen überlegt haben: Die Kirche wird festlich geschmückt und ein feierlicher Gottesdienst mit wenigen Besuchern die sich anmelden müssen findet statt. Vor manchen Kirchen ist ein Blumenteppich zu finden stellvertretend für die vielen die es sonst gibt. In manchen Gemeinden schmücken Eltern und Kinder die Straße vor dem Haus oder den Hof mit Blütenblättern um die gewohnte Tradition auf diese Weise zu erhalten…. Ich selbst mache einen Ausflug zur Jakobskapelle in Gengenbach die oben auf dem „Bergle“ in den Weingärten liegt. Hier kann man eine kleine Rast machen und sich in der stillen Kirche besinnen und auch den herrlichen Ausblick auf Gengenbach und das Kinzigtal genießen. Da mache ich mir Gedanken, wie war das in meiner Kindheit.

Gengenbach – Jakobskapelle mit Aussicht

Wir Kinder hatten an diesem Tag  schöne Kleider an. Die Mädchen trugen ein Körbchen mit Blütenblättern. Diese durften wir für Jesus auf der Straße ausstreuen. Ich erinnere mich, dass es meistens sehr heiß war und die Prozession endlos lang. Als Belohnung für das lange Mitgehen spendierten die Eltern sogar ein Eis. Unter dem Begriff „Fronleichnam“ konnte ich mir damals nichts vorstellen. Ich nannte das Fest einfach „Fräulein Leichnam“, das ergab für mich einen Sinn.  Meine Brüder die um einiges älter waren und „Bescheid wussten“ amüsierten sich über diesen Begriff.

Unsere Wohnverhältnisse waren sehr beengt. Wir 4 Kinder schliefen in einem Zimmer. Vor dem Einschlafen fragten mich die Brüder über das „Fräulein Leichnam“ aus. Wo wohnt denn das Fräulein Leichnam, was macht sie denn den ganzen Tag, wie sieht sie denn aus…. Ich hatte genügend Fantasie und gab auf jede Frage eine Antwort, so wie ich mir das vorstellte. Die Brüder hatten die größte Freude an meinen Antworten und ließen sich immer wieder neue Fragen einfallen. Vermutlich bin ich dann irgendwann eingeschlafen und die Fragestunde war zu Ende.

Möglicherweise bin ich aus diesem Grunde später Religionslehrerin geworden um theologische Fragen dann doch etwas qualifizierter beantworten zu können.

Am Fronleichnamstag mit schönem Kleid und Blumenkörbchen – gleich nach dem Fototermin gab es ein Eis.

An dieser Stelle gebe ich ein Beispiel von Schülerfragen aus meiner Religionslehrerinnenzeit. In einer 5. Klasse Hauptschule behandelten wir die Biblische Geschichte „Mariä Verkündigung“. Maria erhält vom Engel die Nachricht, dass sie ein Kind empfangen wird und ihm den Namen JESUS geben soll. Ein Schüler, der mitdachte meldete sich gleich und fragte:  „UND WENN ES EIN MÄDCHEN GEWORDEN WÄRE?“ Meine Antwort auf diese Frage möchte ich hier nicht aufschreiben, kann aber sagen, dass ich sie theologisch einwandfrei erklären konnte und somit die Frage des Schülers beantwortet hatte

Maria Kott, am 11. Juni 2020

Babypflege einst und heute

Gelegentlich kommt meine Nachbarin zu mir auf einen Kaffee. Sie ist Russlanddeutsche und eine angenehme Frau. Vom Alter her könnte sie meine Tochter sein. Da sie seit kurzem Oma ist sprechen wir natürlich auch über das Baby. Von ihrer Oma weiß sie noch die verschiedensten Hausmittel. Gerade bei der Babypflege verwendete man in ihrer Familie Muttermilch. Für alles: verklebte Augen, Schnupfen, Hautprobleme des Babys – alles heilte die Muttermilch in kürzester Zeit. Ihre Tochter macht das nun bei ihrem Baby genauso. Selbst kleine Hautprobleme oder ähnliches bei sich selbst behandelt sie mit ihrer Muttermilch – erfolgreich.

Wie doch die Natur für alles sorgt. Für mich war das neu. Leider kannte ich diese Methode nicht und konnte sie deshalb auch nicht selber anwenden und auch nicht an meine Kinder weitergeben.

Bei diesem Gespräch fiel mir ein Erlebnis meiner Kinderzeit ein.

Das Haus in dem wir wohnten war ursprünglich als Einfamilienhaus gebaut. Jetzt, so kurz nach dem Krieg, waren mehrere Familie eingezogen. Das Haus war bis unters Dach bewohnt. In den beiden Dachkammern lebte eine ältere ungardeutsche Frau, Frau Hoffmann, mit ihrem Sohn – ebenfalls Heimatvertriebene. Der Sohn hatte eine “hiesige” geheiratet und sie hatten bereits auch ein Baby. Zusammen teilten sie sich die beiden Kammern. Die jungen Leute gingen arbeiten und die Oma versorgte das Baby. Ich ging häufig nach oben um das Kind zu sehen. Die ungardeutsche Oma hatte sehr viele eigene Kinder großgezogen. Mit dem jüngsten Sohn kam sie nach Deutschland. Die anderen Kinder waren erwachsen und in Ungarn geblieben. Frau Hoffmann kam aus einfachen eher ärmlichen Verhältnissen. Sie liebte ihr Enkelkind und behandelte es so wie sie wohl auch all ihre Kinder großgezogen hatte. Das interessanteste für mich als kleines Mädchen war wie sie ihr Enkelchen fütterte. Sie nahm einen Löffel von ihrem Essen, kaute ihn gut durch, tat ihn dann wieder auf den Löffel zurück und fütterte das Baby damit. Das Mädchen wuchs gesund auf und später, als sie etwas größer war, spielten wir beide häufig miteinander.

Was würden wohl die Hersteller der Babynahrung heute zu dieser Art der Ernährung sagen? Ich selbst habe dann später diese Methode nicht angewendet und sie auch nicht weiterempfohlen.

Alles hat ja bekanntlich seine Zeit.

Nachtrag im Mai 2020: Was sagt man dazu in der jetzigen Zeit, der Coronazeit.

Auf der Treppe am Haus: Meine Mutter mit Reparaturarbeiten, Marianne das einstige Baby -gesund und munter- und ihre Mutter Ella

Maria Kott am 26.8.2017

Wir gehen zum Hundefest

Die jungen Mütter sind heutzutage geplagt. Jede Aktivität der Kinder muss geplant werden. Wer bringt das Kind zur Freundin, zur Sportstunde, zum Musikunterricht ….. und wer holt es wieder ab. Einfach so auf der Straße spielen das geht auch nicht mehr.

In meiner Kinderzeit war das anders aber auch nicht immer einfach.

Im Dachgeschoss des Hauses in dem wir wohnten lebte Oma Hoffmann mit ihrem Sohn Martin und zwei Enkelkindern – Theresia und Andreas. Sie waren ebenfalls Flüchtlinge und kamen aus Ungarn. Die Eltern von Theresia und Andreas waren in Ungarn geblieben und wollten zu einem späteren Zeitpunkt nachkommen. Andreas war ungefähr 4 Jahre älter als ich. Da ich noch sehr klein war sollte er hin und wieder auf mich aufpassen, was ihm nicht sonderlich gefiel. Er war unternehmungslustig und ich war für ihn ein Klotz am Bein. Aber da half alles nichts – er musste mich mitschleppen.

An einem Sonntag – ich hatte noch meine „Sonntagsschürze“ an – kam Andreas an unserer Küchentür vorbei. Wir hatten gerade zu Mittag gegessen. Damals war das so, man trug eine Schürze, nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen. Die Sonntagsschürze – daran erinnere ich mich noch – war weiß mit Rüschen und vermutlich inzwischen bekleckst. Obwohl Andreas keinen Auftrag hatte mich zu hüten, nahm er mich mit – diesmal freiwillig und stolz. Er wollte zum Hundefest und sagte das jedem an dem wir vorbeigingen. Von meiner Familie hatte das leider niemand mitbekommen. Die Aufregung war groß – Maria war verschwunden. Recht bald erfuhren meine besorgten Eltern dass ich mit Andreas zum Hundefest unterwegs sei.

Auf dem Sportplatz fand tatsächlich ein solches Fest statt. Meine Eltern fanden mich dort wohlbehalten an der Hand von Andreas. Wenn er sich auch nicht offiziell abgemeldet hatte, so  passte er doch auf mich auf.

Alles war noch einmal gut gegangen. Meine Mutter nahm mir gleich die bekleckste  Schürze ab. Schimpfe gab es keine – jedenfalls nicht für mich. Die Welt war wieder in Ordnung.

Wenn ich mich noch richtig erinnere dann sind meine Eltern zusammen mit mir und Andreas noch eine Weile auf diesem Fest geblieben und schauten mit uns den Dressurvorführungen zu. Ob es da vielleicht sogar eine Limonade für uns Kinder gegeben hat, das weiß ich nicht mehr.

Theresia, Andreas und mein Bruder Hans

Maria Kott am 17. September 2017

Rennfahrt im Kinderwagen

Gummibereift und sportlich sehen die jetzigen Kinderwagen aus. Das Baby liegt darin wie auf Wolken gebettet. Nach dem Preis möchte ich gar nicht fragen. Wie war das in den Nachkriegsjahren?

Wir besaßen noch einen Kinderwagen aus meiner Babyzeit. Auf der Flucht aus dem Sudetenland diente er mir vermutlich als „Reisekutsche“. Ich war damals gerade ein halbes Jahr alt. Jetzt ohne Dach stand er im Hof bei den Fahrrädern. In alten Filmen sieht man diese Kinderwägen manchmal. Sie sind niedrig mit kleinen Rädern und aus weiß lackiertem Flechtwerk. Da ich keinen Kinderwagen mehr brauchte wurde er gelegentlich zum Transport für verschiedene Dinge benutzt. Ein Auto stand ja nicht zur Verfügung.  Meine beiden älteren Brüder machten sich einen Spaß mit mir. Sie setzten mich in den Wagen und fuhren mich um die Häuser. Erst ging es noch gemütlich zu. Das gefiel mir. Aber dann wurde die Fahrt immer schneller. Besonders gefährlich war es, wenn sie um die Häuserecken fuhren. Der Wagen neigte sich bedenklich zur Seite. Ich klammerte mich fest und schrie laut. Glücklicherweise saß ich tief unten in dem Wagen. Es ist nie etwas passiert. Vermutlich wussten die Eltern nichts von diesem Abenteuer.

ein Kinderwagen aus den 50er Jahren

So ähnlich müsste mein Kinderwagen ausgesehen haben. Das Bild habe ich im Internet gefunden.

2017-09-06 Maria Kott

Glaubensunterweisung

Es ist Karfreitag und ich höre im Radio das Lied “Oh Haupt voll Blut und Wunden”. Da fällt mir meine Mutter ein.

Bei der Hausarbeit musste ich meiner Mutter meistens helfen. Teilweise war es nötig dass ich helfe aber häufig – so habe ich jetzt den Eindruck – wollte sie einfach dass ich bei ihr war, dass sie nicht alleine war. Bei diesen kleinen Arbeiten in der Küche haben wir oftmals gesungen. Es war an einem Karfreitag und meine Mutter wollte mir wohl das Geheimnis und die Stimmung dieses Tages vermitteln. Wir sangen das Lied: Oh Haupt voll Blut und Wunden.

Meine Mutter sang inbrünstig, sie war ganz in Karfreitagsstimmung und ich sang einfach mit. Da kamen wir an die Stelle wo es heißt: … Die Farbe deiner Wangen, der Lippen frisches Rot… Mutter sang: … der Lippen frisches GRÜN…

Da mussten wir beide doch herzlich lachen. Die Karfreitagsstimmung war unterbrochen. Vielleicht hatten wir an dieser Stelle das “Osterlachen” vorweggenommen.

Noch heute, wenn dieses Lied gesungen wird, denke ich mit Schmunzeln an meine Mutter. So war sie: fromm, aber nicht bigottisch. Sie stand immer mit beiden Beinen auf dem Boden – was in dieser schweren Zeit nach dem Krieg nicht so einfach war. Dieses Erlebnis hat sich so in mich eingeprägt dass ich heute noch, wenn ich dieses Lied singe, aufpassen muss dass ich nicht “der Lippen frisches GRÜN” singe.

Nachtrag: Ich stelle diesen Text am heutigen Tage in meinen Blog. Da fällt mir ein: heute ist der Todestag meiner Mutter und noch dazu der Geburtstag meiner Enkeltochter Hedwig. Da die beiden Gedenktage zusammentreffen nannten Hedwigs Eltern sie mit zweitem Vornamen Renate was „die Wiedergeborene“ bedeutet. Hedwig ist stolz auf diesen zweiten Namen. Als einzige unter den Geschwistern hat sie zwei Vornamen. Außerdem heißt die Mutter ihres Patenonkels auch Renate und die beiden mögen sich sehr.

Der Bäume frisches Grün!

Maria Kott am 02. April 2020

Rindfleisch oder lieber Hackfleisch

Mein Bruder Peter liest gerne meine Kindheitserinnerungen in meinem Blog. Er sagt, dass er sich an so vieles nicht mehr erinnern kann. Doch eine Geschichte ist ihm dann doch eingefallen. Diese möchte ich hier wiedergeben. Er schreibt:

Heute gab’s zum Mittagessen Rindfleisch aus der Metzgerei Walter.

Mutti und Tante Anna, die Schwester meines früh verstorbenen Vaters, unterhielten sich oft übers Kochen, Haushalt, Schneidern und auch über gesundheitliche Probleme. Tante Anna, die sogenannte „Bubentante“ lud uns „Buben“ gerne bei sich ein und verwöhnte meist meine 2 älteren Brüder und mich mit unseren Lieblingsgerichten. Meines war das sogenannte „Kümmelfleisch“. Dazu kaufte sie, obwohl sie sehr sparsam leben musste, das beste und zarteste Kalbfleisch bei der Metzgerei Engel. Dazu gab es Kartoffelbrei mit einer hellen Soße, die mit viel Kümmel gewürzt war. Einfach, aber schmeckt heute immer noch.

Solch teures Fleisch konnte Mutti (Witwe mit 4 Kindern) sich schon gar nicht leisten und kaufte bei der Metzgerei Walter eben preiswertes Fleisch oder das was andere nicht wollten. Ich weiß es nicht so genau wie es sich verhielt. Aber Mutti sagte immer, wir sind Flüchtlinge (Vertriebene) und müssen zusammenhalten (Anmerkung von mir: wie das sehnendurchwachsene zähe Rindfleisch) und kaufte nur bei der Metzgerei Walter.

Eines schönen Tages gab es wieder mal Fleisch und ich kaute verzweifelt darauf herum. Da Mutti auch mit Tante Anna über die Beschwerden im Alter redete, brummte ich lautstark beim Essen: „Die Kuh war wohl auch schon in den Wechseljahren“; ohne damals überhaupt gewusst zu haben, was das bedeutet. Warum alle lachten, war mir nicht ganz klar, aber seit dieser Zeit mag ich lieber Hackbraten.

Soweit mein Bruder Peter.

Diese Geschichte hatte ich schon vergessen. Doch nun fällt mir wieder ein, dass sie lange Zeit in unserer Familie erzählt wurde zu Belustigung aller.

Maria Kott, am 21.03.2020

Puppenbadefest und was man ohne Fernsehapparat und Handy machen kann.

Die Babypuppe auf meinem Schrank hat ihre eigene Geschichte. In der „Ostzone“ wohnten die Schwestern unseres Vaters. Bei der Aussiedlung aus dem Sudetenland sind sie in Altenburg in Thüringen gelandet. Keiner konnte sich damals auswählen wo er in Deutschland wohnen wollte. Die Teilung in Ost- und Westdeutschland kam erst später. So wurden die Familien auseinandergerissen und über ganz Deutschland verteilt.

Zu Weihnachten schickten die Tanten mir diese Babypuppe. Ich hatte mir sehnsüchtig eine gewünscht. Sie sah aus wie eine echte Porzellanpuppe. Doch sie war ein „Nachkriegsmodell“ und wurde aus Pappmaschee hergestellt.

Einmal richtete ich ein Wännchen mit Badewasser für mein „Kind“ und wollte es fürsorglich baden. Es kam wie es kommen musste. Die Puppe fing an sich ein wenig aufzulösen.  Schnell nahm ich sie wieder aus der Wanne. Das Baby wurde sorgfältig getrocknet. Es „überlebte“. Bis heute sind die „Narben“ noch zu sehen. Wir kamen sozusagen „mit einem blauen Auge“ davon.

Da gab es noch eine Babypuppe. Ein Gummipüppchen nicht einmal so groß wie mein Kinderdaumen. Meine Schulfreundin Gabi hatte auch so eines. Den ganzen Nachmittag konnten wir uns mit diesen Püppchen verweilen. Das Baden war problemlos. Danach wurden sie in Stoffreste eingewickelt und in Streichholzschächtelchen zum Schlafen gelegt. Es war ein einfaches und stilles Spiel aber wir waren zufrieden und hatten keine Langeweile.

Die Streichholzschachteln waren damals noch aus ganz dünnem Holz. Mein Bruder Hans bastelte mir passend zu dem „Bett“ aus diesem dünnen Holz einen Miniaturnachttisch. Schade dass dieser mir irgendwann abhanden gekommen ist. Er war ein kleines Kunstwerk.

Meine Babypuppe

2017-09-06 Maria Kott

Die Geschichte vom Sauberlieschen

Einladungskarte zum Geburtstag

Im Briefkasten finde ich eine Einladung zum Geburtstag. Jeder Gast soll seine Lieblingsschürze mitbringen. In gemeinsamer Runde sollen dann die verschiedenen Schürzen vorgestellt werden. Eine tolle Idee. Aber wo nehme ich so schnell eine Schürze her? Die Feier ist schon übermorgen. Schürzen trage ich nicht mehr. Die T-Shirts ersetzen sie und sind pflegeleichter. Da werde ich mir aus einem schönen alten Küchenhandtuch einfach eine basteln. Eigentlich bekleckse ich mich nur wenig. Das ist auch ein Grund dafür dass ich keine Schürze trage. Und da ist sie schon die Erinnerung an meine Kindheit.

In der ersten Klasse hatten wir im Fach Religion einen älteren Lehrer. Er war sehr lieb zu uns Kleinen und las uns gerne Geschichten vor. Ob da auch Biblische Geschichten dabei waren weiß ich nicht mehr. Eine Geschichte ist mir aber in guter Erinnerung geblieben. Es war die Geschichte vom Sauberlieschen. Leider kann ich diese Geschichte nirgendwo finden um sie noch einmal nachzulesen. Meiner Enkeltochter Hedwig erzählte ich sie so wie ich sie noch in Erinnerung hatte. Hedwig wollte diese Geschichte immer wieder hören. Damals war sie Weltmeister in „sich verkleckern“. Inzwischen ist sie eine junge Frau mit gepflegtem Äußeren. Ob das etwas mit dieser Geschichte zu tun hat? Also, hier die Geschichte:

Es war einmal ein kleines Mädchen. Alle nannten sie Lieschen und weil sie immer so sauber war und sich nie verkleckerte wurde sie auch „Sauberlieschen“ genannt. Einmal ging Lieschen zum schönen Spielplatz der am Waldrand lag. Ein bisschen neugierig war sie doch. Heute wollte sie nachschauen was hinter den großen Bäumen zu sehen war. So lief sie ein ganzes Stück in den Wald hinein und fand den richtigen Weg nicht mehr zurück. Da kam sie an ein kleines hübsches Häuschen. Eine alte Frau öffnete die Tür und sagte zu Lieschen „Du siehst so müde aus. Sicher hast du auch Hunger und Durst. Komm doch herein zu mir und ruh dich etwas aus.“ Lieschen war wirklich müde und so ging sie zu der alten Frau ins Haus. Diese stellte ihr gleich eine große Tasse mit heißer Schokolade auf den Tisch und dazu ein riesiges Marmeladebrot. Lieschen freute sich. Sie aß und trank ohne sich auch nur ein wenig zu bekleckern. Die alte Frau war ganz verwundert dass Lieschen immer noch so sauber war. Die Alte war in Wirklichkeit keine liebe Frau. Sie war eine Hexe und sie wollte Lieschen in ein Vögelchen verzaubern, das dann immer bei ihr bleiben musste. Das konnte sie aber nur dann wenn das Kind sich verschmutzt hatte. So dachte sie sich Hausarbeiten für Lieschen aus. Sie musste fegen und wischen und sogar Tomatensoße kochen. Aber auch dabei verschmutzte sie sich nicht.

Draußen auf dem Fensterbrett und in den Zweigen der Bäume saßen viele bunte Vögel. Die zwitscherten und flatterten her und hin. Als die Alte einmal hinaus ging öffnete Lieschen das Fenster und legte den Vögeln Brotkrümel auf das Fensterbrett. Sie dachte die Vögel haben sicher großen Hunger. Und tatsächlich kamen sie alle hergeflogen und pickten die Krümel auf. Und mit Gezwitscher bedankten sie sich bei Lieschen. So ging das 3 Tage lang. Lieschen hatte immer noch keinen einzigen Fleck auf ihren Kleidern. Die alte Hexe konnte das nicht glauben. Sie war ganz wütend und lief schreiend und schimpfend in den Wald hinein. Lieschen öffnete wieder das Fenster. Da kamen die Vöglein alle zu ihr in die Küche geflogen. Aus jedem Vöglein wurde ein Kind. Die Kinder sagten: „Lieschen, die alte Hexe hatte uns auch hereingerufen und sobald wir einen Fleck auf unseren Kleidern hatten wurden wir in Vögel verzaubert. Weil du 3 Tage lang keinen Fleck auf deine Kleider gemacht hast, hast du uns erlöst. Die Hexe hat jetzt keine Macht mehr über uns. Da nahmen sich die Kinder an der Hand und tanzten im Kreis und sangen: „Lieschen hat uns erlöst, Lieschen hat uns erlöst.“ Dann gingen sie gemeinsam in ihr Dorf zurück. Wie freuten sich da die Eltern, dass alle Kinder wieder gesund nach Hause gekommen sind. Im Dorf gab es ein großes Kinderfest. Alle sangen laut: „Das Sauberlieschen lebe hoch!“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann ….

Vielleicht werde ich mir doch wieder eine Schürze zulegen. Wenn man älter wird fängt das mit dem Kleckern wieder an. Das habe ich inzwischen bemerkt.

Schürzen für die Schürzenbörse bei der Geburtstagsfeier

Maria Kott, im Januar 2020

Überraschung

Es läutet. Der Briefträger bringt ein Päckchen – ich hatte doch gar nichts bestellt. Aber es ist 3 Tage vor Weihnachten, da muss man mit solchen Überraschungen rechnen. Mein Bruder Peter hat mir ein Paket voller weihnachtlicher Süßigkeiten geschickt. Hat er sich gedacht dass ich vor lauter PC-Aktivitäten und Fotoarbeiten keine Zeit zum Backen habe? Oder hatte es einen anderen Grund. Mir fällt da unsere gemeinsame Kindheit ein.

Damals – in den 50er Jahren- gab es bei uns zu Hause wenig Süßigkeiten. Wenn wir etwas geschenkt bekamen wurde das immer geteilt. Ich wollte von den Köstlichkeiten lange etwas haben und verzehrte sie nur sparsam. Im Gegensatz dazu Peter. Er hatte einen guten Appetit und alles war schnell aufgezehrt. Dann hatte Peter öfters die Idee wir könnten doch miteinander spielen. Er wollte der Kater sein und ich sollte ihm den Rücken streicheln und ihn füttern. Da ich froh war, dass er endlich auch einmal mit mir spielen wollte ging ich gerne auf seinen Vorschlag ein. Natürlich waren so meine Süßigkeiten schnell aufgebraucht. Vermutlich aus diesem Grund war dann das Katzenspiel bald zu Ende.

Peter hat sich wohl an diese Zeit erinnert. Er schreibt mir zu dem Paket: „Jetzt kann ich mich mal revanchieren für das was Dir in der Kindheit durch mich abhanden gekommen ist.“ Doch ehrlich gesagt, ich habe das nicht als Verlust empfunden. Das Spiel mit dem Bruder war mir wichtiger als die Süßigkeiten. Trotzdem freue ich mich dass er unsere Kindheit nicht vergessen hat. Seit damals sind fast 70 Jahre vergangen.

2019-12-21 Maria Kott

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,

Still erleuchtet jedes Haus.

Sinnend geh ich durch die Gassen,

Alles sieht so festlich aus.

(Josef von Eichendorf)

Dieses Gedicht gehört zu meinen Lieblingsgedichten. Es erinnert mich immer an Hl. Abend in meiner Kindheit.

Tante Anna wohnte eine Zeit lang bei uns in der kleinen Wohnung. Inzwischen hatte sie eine eigene Wohnung gefunden. Während zu Hause die letzten Vorbereitungen für die Bescherung an Hl. Abend getroffen wurden, ging ich immer zu Tante Anna um sie abzuholen. Da war dann alles so wie im Gedicht beschrieben. Es war still und manchmal lag auch Schnee, was besonders schön war. Wenn ich dann mit Tante Anna zurückkam war es auch bei uns schon festlich. In der Küche gab es zunächst Tee und belegte Brote und dann wurde die Wohnzimmertür geöffnet. Da stand der kleine Tannenbaum mit den brennenden Kerzen und vielen bunten Kugeln und Lametta. Darunter hatten wir später natürlich auch eine Krippe. Zuerst wurde gemeinsam gebetet und dann gab es die Geschenke. Einmal saß meine erste eigene Puppe unter dem Baum. Es war eine Schildkrötpuppe – nicht mehr neu aber vom “Puppendoktor” neu hergerichtet – in einem schönen rot-weiß-karrierten Kleid. Lange Zeit wurde sie zu Weihnachten neu eingekleidet und wieder unter den Baum gesetzt. Es war jedesmal eine neue Puppe.

An diesen stillen Spaziergang an Hl. Abend denke ich jedes Jahr.

Eine stolze Puppenmutter
heute: meine erste Puppe und wie sie jetzt aussieht.
damals: ich als eine stolze Puppenmutter

2017-10-04 Maria Kott

Kartoffeln und Kaffee

Die Kartoffeln fürs Abendessen stehen auf dem Herd. Ich möchte einen Kartoffelsalat vorbereiten. Der Frühstückskaffee ist auch gleich fertig. Welch ein Wohlgeruch. Ich kann nicht widerstehen. Ein kleines Tässchen Kaffee und eine frisch gekochte Kartoffel. Das werde ich jetzt verzehren. Es ist für mich höchster Genuss. Und das hat seinen Grund in der Kindheit.

Wenn es bei uns Pellkartoffeln gab kochte unsere Mutter immer gleich etwas mehr. Das gab dann am Abend oder am nächsten Tag noch ein zweites Essen. Z.B. Bratkartoffeln. Ich erinnere mich noch gut dass mein Vater gelegentlich Bratkartoffeln mit Zwiebeln für sich machte. Das aß er sehr gerne. Dazu kochte er sich einen schwarzen Kaffee. Vermutlich Malzkaffee und vielleicht ein paar Kaffeebohnen mit gemahlen. Derbesondere Geruch lockte mich und schon war ich da und wollte mitessen. Das freute meinen Vater und wir ließen es uns gemeinsam schmecken. Selbst vom Kaffee durfte ich ein wenig trinken. Kartoffeln und Kaffee.

Dieser Geruch und Geschmack ist für mich bis heute unvergleichlich gut. Eine einfache Freude. Ein Genuss der mich in glückliche Kindertage zurückversetzt.2017-09-10 Maria Kott

Rot und Gelb

Das sind zwar die badischen Farben, aber hier geht es um Schuhe.

Dieser Tage begegnete mir auf der Straße ein junger Mann. Er war schwarz gekleidet – schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt mit heller Aufschrift – und dazu knallrote Turnschuhe.

Noch nicht so lange ist es üblich dass Männer in roten Schuhen gehen. Das war bisher das Vorrecht der Frauen und höchstens noch des Papstes. Jetzt ist das nichts mehr besonderes.  Der junge Mann sah ordentlich aus und das ganze machte einen modischen Eindruck.

Da musste ich an meinen, erst vor kurzem verstorbenen Bruder Josef denken.
Als junger Mann war er sehr modebewusst und eher der allgemeinen Mode etwas voraus. Er war sehr früh selbständig. Gleich nach seiner Zeit bei der Bundeswehr lebte er in einer eigenen Wohnung bzw. in Untermiete wie das damals üblich war. Sein Zimmer war geschmackvoll mit skandinavischen Möbeln eingerichtet. Da er häufig im Außendienst tätig war kleidete er sich klassisch.
Ganz stolz war er auf ein Paar besondere Schuhe. Sie waren aus dickem, weichem, gelbem Leder und hatten eine helle hohe Gummisohle, echter Naturkautschuk. Sicher waren sie sehr teuer gewesen. Sie waren natürlich für die damalige Zeit äußert auffällig. Dazu kam, dass sie bei jedem Schritt quietschten – jedenfalls auf dem glatten Boden in der Wohnung.
Mein Bruder Josef, der sich damals bereits Joe nannte, war äußerst stolz auf diese Errungenschaft. Als wäre es gestern gewesen sehe ich ihn vor meinem inneren Auge wie er stolz seine Schuhe vorführte.

mit meinem Bruder Joe während seiner Bundeswehrzeit

2017-08-26 Maria Kott

Striezel oder Dampfschiff

Auf dem Frühstückstisch steht ein Hefezopf. Er ist vom Bäcker und duftet appetitlich. Im Internet find ich eine Abblildung und das Rezept für einen böhmischen Striezel. Schön sieht er aus. Trotzdem kann er mit dem Striezel unserer Mutter nicht mithalten.

Oft schaute ich zu wenn unsere Mutter den Sonntagskuchen, den Striezel kunstvoll fertigte. Samstag, früh am Morgen, wurde der Teig zubreitet. Der Hefteteig muss langsam aufgehen, das braucht seine Zeit. Flink formte unsere Mutter die Teigstränge für den mehrstöckigen Kuchen. Meist hatte er 4 Stockwerke. Der untere Zopf wurde aus 5 Strängen geflochten. Darauf kam ein Zopf aus 4 Teigsträngen. Darauf noch einer aus 3 Strängen. Zum krönenden Abschluss wurden 2 Stränge gedreht und darauf gesetzt. Jetzt wurde der Striezel sorgfältig mit Eigelb bestrichen. Zum Backen brachten wir ihn häufig zum Bäcker an der Ecke. Wenn das Brot, die Brötchen und die Kuchen des Bäckers fertig waren schob er für ein paar Pfennige die Kuchen der Kunden in den Backofen.

Unser Vater meinte die Mutter solle sich doch nicht so viel Arbeit machen und den Teig einfach wie ein Brot aufs Blech legen. Sie fand die Idee nicht schlecht. Einen solchen “Striezel” musste ich einmal – ich war gerade mal 5 Jahre alt – vom Bäcker abholen. Als die Kinder auf der Straße diesen großen Kuchen sahen meinten sie: “Das ist ja ein Dampfschiff”. Da ich wusste wie ein richtiger Striezel aussehen muss schämte ich mich und kam weinend nach Hause. Ich wollte nicht wieder ein solches Dampfschiff vom Bäcker holen. Dieser Name wurde sofort von meinen Brüdern übernommen – es gab jetzt also häufig ein Dampfschiff am Sonntag.

Zu besonderen Tagen, vor allem an Weihnachten gab es aber weiterhin schöne, kunstvolle Striezel. Wir hatten inzwischen einen Gasherd mit Backofen und konnten auch dort die Kuchen backen.

Zu Weihnachten gab es für jeden von uns Kindern einen eigenen Striezel – die Größe richtete sich nach dem Alter. Meiner war natürlich der Kleinste. Darüber war ich nicht traurig. Im Gegenteil. Ich fand ihn besonders schön und aß immer nur ganz wenig davon. So kam es dass mein Striezel am längsten hielt. Dass er nicht ganz austrocknete, dafür sorgten schon meine Brüder. Natürlich gab es auch einen großen Striezel für die ganze Familie. Trotz aller Arbeit ließ es sich unsere Mutter nicht nehmen dieses Festgebäck herzustellen.

Gelegentlich versuche ich mich auch an diesem Gebäck. Auch mein Striezel kann nicht an den unserer Mutter herankommen.

Dies ist das handgeschriebene Rezept meiner Mutter. Genannt sind nur die Zutaten. Eine Hausfrau konnte zur damaligen Zeit einen Hefeteig ohne Anleitung zubereiten.

2017-10-05 mahk

HaJoPeMedi

HaJoPeMedi – was ist das?

Vielleicht eine Internetadresse oder ein Passwort? Nein, es ist die Zusammenfassung der Namen von meinen Geschwistern und mir. Der Älteste heißt Johann wird aber Hans gerufen. Der zweite Bruder heißt Josef. Der Name des dritten Bruders ist Peter. Ich heiße Maria. Da ich die Jüngste bin und dann auch noch ein Mädchen, wurde ich einfach Medi genannt. Das war keine Verniedlichung des Namens sondern einfach eine liebevolle Form für kleines Mädchen.

Bei 4 Kindern ist meist auch viel los vor allem wenn die Wohnung sehr klein ist. Von einem Kinderzimmer oder gar von eigenen Zimmern konnten wir nur träumen. Unsere Mutter war dann oft angespannt und in der Hektik fiel ihr der jeweilige Name nicht immer gleich ein. So kam es dass ich manchmal einfach HaJoPeMedi gerufen wurde. Wir Kinder haben uns darüber amüsiert. Meist musste unsere Mutter dann auch lachen und die Stimmung war wieder entspannt.

Hans hatte seinen Namen nach dem Vater unseres Vaters, Johann – wurde aber Hans gerufen. Josef wurde dann nach unserem Vater benannt. Peter hieß der Vater unserer Mutter. Nach ihm bekam Peter seinen Namen. Dieser Name hatte Tradition in der Familie unserer Mutter. Da ich in einer schweren Zeit gesund zur Welt kam und ein Mädchen war wurde ich aus Dankbarkeit Maria genannt nach der Mutter Jesu.

Es gab aber auch für jedes Kind noch eine Koseform des Namens. Aus Hans wurde Hansi, Josef war Josi. Peter wurde selten verändert. Manchmal war er das Peterle. Ich war dann Medi. Das galt aber nur so lange wir klein waren. Sobald ich in die Schule kam nannten mich alle – auch meine Geschwister – Maria. Die Bäckersfrau an der Ecke hatte meine “Namensänderung” nicht mitbekommen. Bei ihr blieb ich weiterhin Medi. Das war weiters nicht schlimm, ich habe sie nie korrigiert.

Josef hat dann später seinen Namen etwas aktualisiert und der Zeit angepasst. Er nannte sich Joe und wir Geschwister nannten ihn ebenso. Er ist der erste von uns der gestorben ist. Auf seinem Grab steht sein Taufname JOSEF.

So haben und hatten wir alle vier Geschwister Namen zu denen es auch einen richtigen Namenstag gibt. In der Tradition unserer Eltern – der Tradition aus dem Sudetenland – war der Namenstag wichtiger als der Geburtstag. In unserer neuen Heimat in der Kurpfalz war Namenstag eigentlich gar kein Begriff. Wir feierten dann einfach zweimal – Namenstag und Geburtstag.

Im Arm meiner Mutter noch vor der Vertreibung.

2017-09-18 mahk

Fotokarriere

In den Ferien in Balatonfüred besuche ich das Weinfest. Es ist der letzte Tag – morgen endet das Fest. Am Weinstand unserer Freunde bestelle ich einen trockenen Riesling und dazu ein Schmalzbrot – herzhaftes Weißbrot mit Schmalz, Salz, Paprikapulver und Zwiebelringen, einer Gurkenscheibe, einer Tomatenscheibe und ein paar Blättchen Feldsalat. Schon liegen vor mir die ungarischen Nationalfarben Rot-Weiß-Grün. Mit Blick zum zartblauen, seidigen Balaton genieße ich die Köstlichkeiten. Gleich neben mir an der Uferpromenade hat ein ungarischer Akkordeonspieler Platz genommen. Er ist noch ein echtes ungarisches Original. Hingebungsvoll spielt er sein Repertoire und freut sich wenn der eine oder andere  Spaziergänger ein wenig Geld in seinen Kasten wirft. Er hat ein grünes Hütchen auf und sagt mir er sei heute ein „Jäger“. Leider habe ich die Kamera nicht dabei. Doch mit dem Handy kann man ja auch recht gute Bilder machen. Gerne darf ich ihn fotografieren. Da sind sie schon die Kindheitserinnerungen.

Meine Mutter war an Gelbsucht erkrankt. Frau Baumann von der Kirchengemeinde kam um ein wenig zu helfen. Ich war wohl knapp 3 Jahre alt, erinnere mich aber noch genau an dieses Ereignis. Als Kind war ich keine große Esserin. Frau Baumann bemühte sich redlich mich mit dem Brei zu füttern. Es war eine schier unendliche Prozedur. Später erzählte sie mir einmal wie oft sie den Brei für mich wieder aufwärmen musste. Sie hat es wohl gerne getan und auch Spaß mit mir gehabt. Wir besaßen damals einen grünen Strohhut – vermutlich einen Tirolerhut. Diesen setzte ich Frau Baumann auf den Kopf und sagte zu ihr in meiner Kindersprache: „Karolia, grafier dich, krigsch e schenes Bild.“ Ich meinte wohl „Tirolerin“.

In der Rückschau stelle ich fest dass mein fotografischer Blick schon damals ausgeprägt war. Bestimmt gab es zu dieser Zeit in unserer Familie noch keinen Fotoapparat. Das Fotografieren muss ich wohl anderswo beobachtet haben.

Akkordeonspieler beim Weinfest in Ungarn

2017-09-03 mahk

Die Schule beginnt

In der Zeitung lese ich was so eine Einschulung kostet. Da kommt schon einiges zusammen. Im Internet schaue ich auch nach, was man so veranschlagt. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist dieser Eintritt in die Schule. Mit 100 Euro kommt man nicht weit. Schultüte, Schulranzen mit Inhalt, neue Kleidung, Fotograf, eine angemessene Feier…. Zum Glück gibt es Großeltern und Paten die sich großzügig an diesen Kosten beteiligen. Wie war das nur als ich zur Schule kam?

Eine Schultüte hatten zu meiner Zeit nur wenige Kinder.  Ich hatte jedenfalls keine. Was war wohl in den Schultüten drinnen – überlege ich. Vermutlich überwiegend Papier und obendrauf ein paar Süßigkeiten. Bei einer Schulfreundin war das so. Ihre Mutter kam etwas spät in das Schreibwarengeschäft. Die kleinen preiswerten Schultüten waren ausverkauft. So musste sie wohl oder übel etwas mehr Geld ausgeben und erstand zur Freude ihrer Tochter eine große rote Schultüte.  Wie diese riesige Tüte füllen? Äpfel aus dem Keller waren zu schwer. So wurde der größte Teil der Tüte mit Papier ausgestopft. Kein Zeitungspapier, nein, „schönes“ Papier. Und darauf kamen einige wenige Süßigkeiten. Meine Schulfreundin hatte somit das „Non plus Ultra“ für die damalige Zeit. Ich erinnere mich nicht, dass ich mir ohne Schultüte benachteiligt vorkam. Ich war stolz Erstklässlerin zu sein. Auch hatte ich einen schönen braunen Lederschulranzen. Eine Schiefertafel, einen Griffel und außen an der Schultasche hing ein Schwamm und ein Trockentuch. Die Schultasche war solide. Sie gehörte meinem ältesten Bruder und hatte schon bessere Tage gesehen. Bei der Vertreibung aus dem Sudetenland unserer Heimat, hatte er einige Habseligkeiten in dieser Tasche transportiert. Für mich war das die schönste Tasche der Welt. Ein ordentliches Kleid und schöne Schuhe hatte ich auch. Alles aus den Paketen die wir von Amerika bekamen. Da waren immer schöne Kleider für mich darin um die mich die Schulkameradinnen beneideten. Wenn ich auch ein wenig Angst vor der Schule hatte, ging ich doch gerne dorthin um zu lernen. Eine Familienfeier zu diesem Anlass gab es natürlich nicht. Zu Hause war alles wie immer. Nur wurde ich ab sofort als Schulkind nicht mehr „Medi“ genannt – was so viel wie kleines Mädchen bedeutet. Jetzt wurde ich in der Familie von allen bei meinem Taufnamen „Maria“ gerufen. Jetzt war ich groß.

Da ich augenblicklich am Aufräumen und Sortieren bin kommt mir ganz zufällig das Foto von meiner ersten Klasse im Jahr 1952 in die Hand. Eigentlich haben nur zwei Kinder bei dieser Aufnahme gelächelt. Eine Einschulung ist halt doch eine ernste Sache, damals wie heute.

Klasse 1 im Jahr 1952

September 2019 – mahk

Wo ist der Bleistiftspitzer

Eben ist mein Bleistift stumpf geworden. Kein Problem. Gleich werde ich ihn wieder spitzen. Aber wo ist der Bleistiftspitzer? Natürlich nicht auf seinem Platz. Wer hat ihn zuletzt verwendet und nicht zurückgelegt? War ich es am Ende gar selber? Auch kein Problem ich habe noch ein paar andere – ich muss suchen – ich finde einen.

Als ich zur Schule kam hatten wir zunächst eine schöne Schiefertafel und dazu einen Griffel und einen Schwamm. Viel mehr war nicht in der Schultasche. Das war überschaubar und auch praktisch. Die Übungen wurden ausgewischt, die Tafel war wieder sauber. Man konnte von vorne anfangen. Man konnte üben nach Herzenslust und Schönes für kurze Zeit aufbewahren. Eselsohren in Heften und rot angestrichene Fehler – das kam erst später. Später kam auch der Bleistift. Damals hatte ich leider keinen Bleistiftspitzer. Doch auch da konnte man Abhilfe schaffen. Die Mutter nahm ein kleines Messer und bald war der Stift wieder spitz.
Wenn die Mutter nicht da war, dann konnte ich zu den Nachbarn gehen, zum Ehepaar Paukert. Sie waren schon älter und hatten viel Zeit. Frau Paukert zeigte mir wie man ein Gesicht malt: Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht …. Sie zeigte mir auch dass man Geldstücke mit der Rückseite des Stiftes auf Papier rubbeln kann – das gab dann schönes Spielgeld. Herr Paukert spitzte mir meine Bleistifte mit seinem Taschenmesser. Perfekt die Spitze und schön das Holz.
Dann hatten Paukerts ein Sofa mit vielen Kissen zur Zierde. Da durfte ich eine Weile spielen. Ich schichtete die Kissen von einem Ort zum anderen und hatte Freude daran. In unserer kleinen Wohnung gab es kein Sofa und Kissen hatten wir nur zum Schlafen.
Irgendwann hatte ich dann auch einen eigenen Bleistiftspitzer. Das war eine tolle Erfindung. Mit dem sorgfältig abgespitzten Holz klebten wir Schüler Blüten auf ein Blatt. Das war bei Farbstiften besonders schön. Und auch die Farbbrösel wurden zu kleinen Malereien verwendet. Natürlich wurden die Stifte auch dann gespitzt wenn es gar nicht nötig war damit die schönen Blüten auf dem Malpapier wachsen konnten.

Ob das die Kinder heute auch noch machen? Ich denke schon. Trotz Handyspielen und Computer wird wohl in jedem Kind Phantasie und Freude am Gestalten und Erfinden stecken. Da muss ich doch mal meine Enkel befragen.

2017-09-17 mahk

Die Nase

Erinnerung an meine Kindergartentasche

Ich bin in der Kirche in meiner Bank. Der Gottesdienst hat gerade begonnen. Die ganze Zeit muss ich ein wenig schnuppern. Was ist das für ein Geruch. Ich kenne ihn aber ich weiß nicht nach was es riecht und woher mir der Geruch bekannt ist. Meine Gedanken wandern. Auf den Gottesdienst kann ich mich nicht konzentrieren. Doch endlich – jetzt erinnere ich mich.

Vor bald 70 Jahren ging ich zum Kindergarten. Ich hatte ein braunes Kindergartentäschchen aus Leder. Darin war immer mein Vesperbrot. Es riecht wie damals im Kindergarten – nach Leder und Brot.

Und meine Gedanken schweifen weiter ab.
In den Kindergarten ging ich überhaupt nicht gerne. Es war ein täglicher Kampf weil ich nicht dorthin wollte. Der Kindergarten wurde von Schwestern geleitet die sehr liebevoll waren. Trotzdem wollte ich nicht hingehen. Da gab es dann auch noch den Städtischen Kindergarten. Tante Ruth („Tante“ wie man damals zur Erzieherin sagte) war dort tätig. Da sie bei uns gegenüber wohnte nahm sie mich ab sofort auf dem Fahrrad mit. Da gab es kein Entrinnen. Ich wurde auf den Gepäckträger verfrachtet und musste mich an den Sattelfedern festhalten. Verzweifelt in mich hinein schimpfend brachte ich die schreckliche Fahrt hinter mich.
Wenn das alles auch so schrecklich war, so erinnere ich mich trotzdem an vieles das mir im Kindergarten gefallen hat. Z.B. zur Weihnachtszeit wurden Puppenküchen aufgestellt mit kleinen Öfen die mit Karbid beheizt wurden. In Minibratpfannen backte Tante Ruth Minipfannenkuchen die wir Kinder dann essen durften. Es gab Kreisspiele, wir bastelten und spielten auch Theater. Es war um die Weihnachtszeit. Zur Theateraufführung waren die Eltern eingeladen. Ich spielte eine Schneeflocke im dünnen weißen Kleidchen und Watte in den Händen die auch Schneeflocken darstellten. Weil es so kalt war wurden wir bis zum Auftritt in Wolldecken gewickelt. Mein Vater war damals schon sehr krank. Er konnte aber zur Vorstellung mitkommen. Meine Mutter erzählte nach seinem Tod immer wieder wie glücklich er war mich in dieser Rolle noch erleben zu können.
Ich selbst war natürlich auch stolz dass
ich bei den Theaterspielern mit dabei sein durfte.

Von der Predigt habe ich an diesem Sonntag
nicht allzu viel mitbekommen.

2017-09-06 mahk

Die Schwalbe und der Film

An unserem Ferienort sitze ich gegen Abend vor dem Haus und schaue zum See. Die Schwalben fliegen um die Wette. Sie versorgen sich mit Nahrung.
Wann habe ich das letzte Mal Schwalben gesehen? Das ist schon lange her. Die letzten Jahre gab es keine mehr. So freue ich mich dass sie wieder da sind.

Die Schwalbe war auch in meiner Kindheit wichtig. „Frau Schwalbe ist ne Schwätzerin…“ so haben wir gesungen. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, „Zu Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt, zu Mariä Verkündigung kommen die Schwalben wiederum.“ Wenn die Schwalben tief folgen wussten wir dass es regnen wird. Überall gab es Schwalbennester. Im Alltag und in der Schule war die Schwalbe Thema. Im Naturkundeunterricht durften wir einen Film über die Schwalbe anschauen. Das war etwas Besonderes. Wir sahen wie sie kunstvoll ihr Nest aus Lehm baut, wie sie ihre Jungen füttert und auch wie sich die Schwalben auf den Stromleitungen vor ihrem Abflug in den Süden sammeln.

Filme gab es nur selten zu sehen. Da erinnere ich mich noch an einen zweiten Film aus der Schule. Die Geschichte vom Hasen und dem Igel. Die Bilder sind mir heute noch gegenwärtig. Der abgehetzte, magere Hase mit hängenden Ohren, der trotz aller Mühe immer wieder zu spät kommt. Er tat mir in der Seele leid.
Obwohl es zu meiner Schulzeit schon ein Kino bei uns gab war es nur ganz selten, dass ich einen Film anschauen durfte. Es kostete schließlich Geld und unsere Mutter wollte uns auch vor schlechten Einflüssen bewahren. „Die Krönung der Königin Elisabeth“ wurde im Kino gezeigt. Das durfte ich anschauen. So sind mir diese 3 Filme gut im Gedächtnis geblieben.

Heute gehe ich sehr gerne ins Kino. Außerdem steht der Fernseher in der Wohnung und man hat immer Gelegenheit einen Film zu sehen. Die moderne Technik macht es möglich.

2017-09-08 mahk

Mein Lieblingsplatz

Mit meiner Enkeltochter Agnes – sie ist gerade 12 Jahre alt – mache ich ein Interview. Eine Frage lautet:“ wo ist dein Lieblingsplatz?” Da sagt sie: “In meinem Bett, aber auch nahe bei der Mama”. Nun frage ich mich: Wo war mein Lieblingsplatz als Kind?

Unsere Wohnverhältnisse waren sehr eng. An ein eigenes Kinderzimmer war nicht zu denken. In den Schul- und Kindergartenferien wollte unsere Mutter mir und meinem jüngsten Bruder Peter eine Freude machen. Von der Küche aus ging eine niedrige Tür in eine kleine Kammer, die sogar ein winziges Fenster hatte. Sie befand sich unter der Treppe die ins nächste Stockwerk führte. Dort wurden verschiedene Dinge abgestellt. Unsere Mutter räumte diese Kammer für Peter und mich leer und wir machten uns eine kleine Wohnung daraus. Ein Hocker wurde der Tisch und zwei Schemel waren unsere Stühle. Viel mehr konnten wir gar nicht unterbringen.Wir konnten nicht einmal stehen. Aber wir hatten unser eigenes Zimmer und waren glücklich. Wir spielten Kaufladen und Familie. Sicher gab es auch etwas zu essen. Peter hatte damals immer Hunger und ich teilte mir meine Süßigkeiten die es gelegentlich gab gut ein. Da war ich dann die Mutter die seinen Teller füllte. Schule haben wir sicher auch gespielt. Ich war ja noch im Kindergarten und da war Schule was tolles. Aber so genau weiß ich das nicht mehr. Hier war mein Lieblingsplatz als Kind. Wir beide waren zufrieden und unsere Mutter konnte in Ruhe der Hausarbeit nachgehen.

Später habe ich einen Großteil unserer Familie interviewt. Alle bekamen die gleichen Fragen gestellt. Die gesammelten Antworten ergaben eine kleine Familienchronik für Agnes. Als ich meinen Bruder Peter befragte: Wo war dein Lieblingsplatz als Kind, da erzählte er von eben dieser kleinen Kammer in der er mit mir gespielt hatte. So war diese enge Kammer auch sein Lieblingsplatz in der Kindheit gewesen. Das hätte ich gar nicht gedacht.

2017-10-04 mahk

Meine Einschulung

Im Radio – ich höre gerade das Domradio aus Köln – fragen sie nach Geschichten über Freundschaften. Die Moderatorin erzählt von ihrem ersten Schultag und wie sie da eine Freundin fürs Leben gefunden hat. Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die fast in Vergessenheit greaten ist.

Meine Mutter brachte mich in das Klassenzimmer für die neuen Erstklässler. Es war Nachkriegszeit (1952). Als Flüchtlinge kamen wir aus dem Sudetenland. Zwei Monate war es her dass mein Vater verstorben ist. Eine Schultüte hatte ich nicht – aber da war ich nicht die Einzige. Neben mir in der Bank saß ein liebes und fröhliches blondes Mädchen mit kurzen Haaren. Sie hielt eine schöne bunte Schultüte im Arm. Unsere Mütter standen am Fenster. Wir Kinder waren uns gleich sympathisch. Die ersten Schultage saßen wir immer nebeneinander. Das hätte eine schöne Freundschaft werden können. Doch es dauerte nicht lange, da kam das Mädchen nicht mehr. Ihren Namen habe ich leider vergessen. Die Lehrerin erzählte uns, dass das Kind mit ihrer Familie nach Australien ausgewandert sei. Aus dieser beginnenden Freundschaft ist leider nichts geworden.

Nun erinnere ich mich an ein Foto vom ersten Schultag. Tatsächlich finde ich es und diese kleine Geschichte ist wieder lebendig in meinem Gedächtnis.

Auf dem Foto steht am Fenster rechts meine Mutter und links die Mutter meiner Banknachbarin. Von mir ist der Scheitel, ein Zopf und ein Auge zu sehen. Der Vater des Mädchens hatte das Foto gemacht und sie brachte es mir in die Schule mit.

Mein erster Schultag

2019-07-15 mahk

Meine Lieblingsfarbe

Rot war schon immer meine Lieblingsfarbe. Dieses kleine rote Täschchen besitze ich schon viele Jahre. Obwohl ich es nur selten trage habe ich es nicht aussortiert. Es ist zwar klein aber trotzdem ein bischen  auffällig. Im Sommer trage ich es gerne zu roten Sandalen. Natürlich kann man darin nur wenige Dinge unterbringen. Schon deswegen ist es nicht alltagstauglich.

Ich war ungefähr 4Jahre alt als mein Vater mit mir in die Stadt ging um mir ein Kindertäschchen zu kaufen. Vermutlich hatte ich es ihm abgebettelt – unsere finanziellen Verhältnisse waren ja nicht so rosig. Vielleicht spürte er auch dass er mir nicht mehr allzu viele Freuden und Geschenke in seinem Leben machen konnte. Er starb kurz nach meinem 6. Geburtstag.

Im Laden gab es recht solide Beuteltäschchen für Kinder aus festem kariertem Stoff mit Leder eingefasst und Lederriemen zum tragen. Da lag aber auch ein wunderschönes, knallrotes Lacktäschchen für das ich gleich Feuer und Flamme war. Wer sich mit Materialien auskannte wusste sofort dass dieses Täschchen bald brüchig werden würde. Mein Vater wollte aber nicht vernünftig sein, sondern mir einen Herzenswunsch erfüllen. So kam ich strahlend mit dem roten Lacktäschchen nach Hause. Was meine Mutter dazu sagte, das weiß ich nicht mehr.

2019-05-18 mahk

Alter Tisch

Im Hof steht ein alter Tisch. Ein wenig tut er mir leid. Er ist da der Witterung ausgesetzt und scheint niemandem zu gehören. Ich habe auch noch niemanden dort sitzen sehen – es sind ja keine Stühle dabei. Vielleicht wurde er beim Sperrmüll vergessen, oder es wollte ihn jemand vor dem Sperrmüll retten und hat es sich dann anders überlegt, oder…
Auf jeden Fall steht er jetzt da und weckt Erinnerungen an meine Kindheit.Schon immer liebte ich antike Tische. Woher das wohl kommen mag?

Am 12. September, dem Fest Mariä Namen, meinem Namenstag, hatten sich meine ältern Brüder etwas schönes für mich ausgedacht. Sie wollten ihre kleine Schwester überraschen und mir eine Freude machen. Namenstag wird in meiner Familie traditionell gefeiert. Es ist ein Brauchtum das noch aus dem Sudetenland – jetzt Tschechien –  überliefert ist. Dort bin geboren. Aus diesem Land wurden wir 1946 vertrieben.

Nach der Vertreibung hatten wir nichts. Keine Möbel, kein Geschirr, kein Bettzeug, keine Spielsachen – einfach nichts. Freundliche Menschen schenkten und liehen uns Verschiedenes, z.B. auch einen großen ovalen Nußbaumtisch der trotz Abnützung immer noch sehr schön war und den ich bis heute in Erinnerung behalten habe. Die Eigentümer haben ihn dann irgendwann wieder abgeholt.Meine Brüder ließen sich zu meinem Namenstag etwas einfallen. Damals war ich 4 oder 5 Jahre alt. Vermutlich auch mangels Schreibpapier malten sie mir ein lustiges Bild mit weißer Schulkreide auf den dunklen Tisch. Blümchen, Häuser, Menschen… Auf dieses Gemälde legten sie dann einige 10-Pfennigstücke aus ihrer Sparkasse. Die Freude war groß als ich die Überraschung morgens nach dem Aufstehen entdeckte. Es war ein großes Fest für mich. Ich fühlte mich reich beschenkt und war darüber sehr glücklich.

Die Liebe zu alten Tischen ist mir bis heute geblieben.  

2017-09-12 mahk

Stachelbeeren 

Ich bin im Supermarkt beim Einkaufen. Im Regal bei den Sonderangeboten stehen Gläser mit Kompott. Ich staune. Hier gibt es Stachelbeeren im Glas. Die habe ich schon ewig nicht mehr gegessen. Schon steht mir eine Begebenheit aus meiner Kindheit vor Augen.

Roswitha hatte viele Geschwister und war etwas älter als ich. Sie nahm mich gerne mit zu sich nach Hause. Dort durfte ich mit ihren Sachen spielen und fühlte mich in dieser großen Familie sehr wohl. Bei ihnen gab es auch immer feine Dinge die es bei uns zu Hause nicht gab. Sie hatten einen großen Garten und deshalb stand ihr Keller voll mit Eingemachtem in Gläsern. Es gab sogar kleine Einmachgläser die “Kinderportionen” enthielten. Einmal durfte ich frei wählen welches dieser Kindergläschen ich haben wollte. Es gab Pfirsiche und es gab auch Stachelbeeren. Die Pfirsiche ließen mein Herz höher schlagen. So etwas gab es bei uns zu dieser Zeit nicht. Doch ich war zur Bescheidenheit erzogen und traute mich nicht um dieses Gläschen zu bitten. Ich dachte es wäre bescheidener wenn ich die Stachelbeeren nehmen würde – was ich dann auch tat. Roswitha nahm für sich die Pfirsiche. Jetzt tat mir meine Wahl leid. Doch ich traute mich nicht zu sagen, dass ich auch gerne Pfirsiche hätte. Also aß ich Stachelbeeren und Roswitha Pfirsiche.
Wie das eben so ist – wenn man an Pfirsiche denkt, dann schmecken die Stachelbeeren einfach sauer.
Erst später habe ich für mich herausgefunden, dass Stachelbeeren köstlich schmecken – vor allem wenn sie richtig ausgereift sind.

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Das Glas aus dem Supermarkt habe ich noch nicht geöffnet. Auf Pfirsiche bin ich inzwischen auch nicht mehr so scharf. Die Geschichte erscheint mir heute wie ein Symbol für mein Leben. Ich habe gelernt dass oft unbeachtete Dinge die schönsten und kostbarsten sein können. Auch beim Fotografieren, das ich seit meinem Ruhestand für mich entdeckt habe, ist das so. Wenn ich mit dem Fotoapparat unterwegs bin suche ich meistens unscheinbare Dinge am Wegrand, die dann im richtigen Licht besehen zu Besonderheiten werden.

2018-11-15 mahk